Zeitnot an der TUHH

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Eigentlich hatten wir, die Demo-Organisator*Innen, in der dritten Novemberwoche 2020 eine Demo für mehr Zeit und bessere Studierbarkeit an der TUHH geplant. Wegen Corona haben wir uns allerdings entschlossen, die Demo abzusagen und auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben, an dem das Infektionsgeschehen ruhiger ist. Stattdessen gibt es nun folgenden Blogbeitrag.

Es gibt ein Problem an der TUHH, das offensichtlich ist: Viele Studierenden haben zu wenig Zeit. Sie müssen so viel Zeit für das Studium aufwenden, dass es nicht mehr angenehm ist. Die Studienbelastung ist zu hoch.

Zeitaufwand im Studium

Die meisten Bachelor-Studiengänge haben 180 European Credit Points (ECTS). Einem Studienjahr entsprechen somit 60 Credit Points. Daraus resultiert eine Regelstudienzeit von 6 Semestern. Im ECTS Leitfaden schreibt die EU-Kommission dazu: „Meistens beträgt der Arbeitsaufwand der Studierenden in einem akademischen Jahr zwischen 1.500 und 1.800 Stunden, sodass ein Credit 25 bis 30 Arbeitsstunden entspricht. Dabei sei darauf hingewiesen, dass dies den typischen Arbeitsaufwand darstellt und dass bei einzelnen Studierenden der tatsächliche Arbeitsaufwand zum Erreichen der Lernergebnisse variieren kann.“1 Die Zuordnung von einem Credit Point zu 25 bis 30 Arbeitsstunden ist also nur eine Empfehlung.

Die TU schreibt in ihrer ASPO vor, dass ein Leistungspunkt 30 Stunden entspricht. Geht man von sieben Wochen Urlaub im Jahr aus und nimmt den maximalen Wert von 1800 Stunden, kommt man auf eine wöchentliche Arbeitsbelastung von genau 1800:45=40 Stunden. Nimmt man den minimalen Wert von 1500 Stunden und teilt diesen durch 45, kommt man auf 33 Stunden, 20 Minuten. Da drängt sich uns folgende Frage auf: Warum schreibt die TU den maximalen Wert von 30 Stunden pro Leistungspunkt in der ASPO fest?

Zeitnot und Belastungsempfinden

Nun zu dem anfangs angesprochenen Problem der Zeitnot. Im Rahmen des Projekts ZEITLast wurde u.a. von Rolf Schulmeister der Workload in 29 Studiengängen untersucht.2 Dabei kam heraus, dass die Studienbelastung der Studierenden im Durchschnitt bei 24 Stunden pro Woche liegt. Das ist geringer als erwartet. Aber es ist eigentlich eine gute Nachricht. Die Varianz innerhalb der Studierendenschaft ist allerdings sehr groß. Sie reicht von 10 Stunden bis über 40 Stunden pro Woche.

An der TUHH wurde in der Verfahrenstechnik von 2017 bis 2018 eine Zeitlaststudie mit 18 Teilnehmern durchgeführt, die allerdings nicht repräsentativ war. Diese kam auf eine Arbeitsbelastung von durchschnittlich 29 Stunden pro Woche für das ganze Semester.
Wir gehen davon aus, dass der Durchschnitt der Arbeitsbelastung an der TUHH zwar unter 35 Stunden liegt, aber trotzdem im Vergleich zu den 24 Stunden überdurchschnittlich ist. Vermutlich liegt der Durchschnitt also zwischen 25 und 35 Stunden. Wie erwähnt, ist die Varianz zwischen den Studierenden hoch. Das heißt, dass es auch Studierende gibt, die im Durchschnitt auf mehr als 35 Stunden die Woche kommen, was aus unserer Sicht eine zu hohe Arbeitsbelastung ist.
Selbst wenn also die durchschnittliche Arbeitsbelastung unter den von der Europäischen Kommission empfohlenen Werten (also unter 33,3 Std.) liegt, ist der Punkt der zu hohen Arbeitsbelastung nicht abzuweisen.
Denn die Erfahrung von uns selbst und aus Gesprächen mit anderen Studierenden zeigt deutlich: Wenn man den Studienplan einhalten will und die Aufgaben pflichtbewusst macht, ist die Arbeitsbelastung an
der TUHH zu hoch und das ist sehr unangenehm. Ich (Linus) habe dieses Semester ein Zeitprotokoll gemacht und komme häufig auf über 40 Stunden die Woche.3 Zudem bedeuten 35 bis 40 Stunden Arbeitsbelastung pro Woche bei Studierenden, dass sie kein freies Wochenende haben, weil sie später aufstehen als Arbeitnehmer*Innen.
Wir fordern, dass eine Zeitlaststudie zum Zusammenhang zwischen zeitlicher Belastung und Stress bei Studierenden der Ingenieurswissenschaften (oder MINT-Studierenden) durchgeführt wird. Dabei sollen auch die Arbeitszeiten durch Nebenjobs erfasst werden. Diese Studie könnte im Kleinen von der TUHH in einem anderen Bereich als der Verfahrenstechnik oder für die gesamte Uni durchgeführt werden oder im größeren Rahmen von einem sozialwissenschaftlichen Institut.

Fragen wir uns nun nach den tieferliegenden Ursachen der Zeitnot.

Das Problem lässt sich gut daran festmachen, dass die Belastung pro Credit Point zu hoch ist. Daraus folgt einerseits die zu hohe Belastung pro Woche bei einigen Studierenden, andererseits die Verlängerung des Studiums, da der vorgeschriebene Studienplan nur sehr schwer eingehalten werden
kann. Der zweite Punkt lässt sich sehr gut in den Statistiken der TUHH nachweisen. Die Regelstudienzeit von 6 Semestern wird an der TU kaum eingehalten. Die meisten brauchen länger. Eine längere Studiendauer wird dadurch möglich, dass man bis zu 14 Semester Zeit hat, den Bachelor
abzuschließen. Diese Regelung ist gut und erleichtert vieles.

Die zeitliche Belastung wird durch den Studienplan geregelt. In ihm sind die Lehrveranstaltungen, Praktika und Prüfungen vorgegeben, die zum Bachelor-Abschluss verbindlich absolviert werden müssen. Die Überlastung hat zwei Aspekte: die hohe Anzahl an Lehrveranstaltungen, Praktika und
Klausuren pro Semester und den hohen Aufwand pro Lehrveranstaltung.

Reduzierung des Arbeitsaufwands

Es sind verschiedene Ansatzpunkte denkbar, um den Arbeitsaufwand zu reduzieren. Eine Möglichkeit wäre das Streichen einer Lehrveranstaltung pro Semester und die Umverteilung der Credit Points oder die Verringerung des Arbeitsaufwands von besonders zeitaufwändigen und arbeitsintensiven
Lehrveranstaltungen. Für letzteres würde nicht einmal eine Änderung der Studienpläne notwendig. Wie wir gesehen haben, steht aber jeder Credit Point für eine bestimmte Arbeitsbelastung. Daher muss das Streichen von Lehrveranstaltungen gegenüber den Professor*Innen gut begründet werden. Diese Ansätze würden dazu führen, dass die wöchentliche Arbeitsbelastung sinkt und die Studierenden früher mit dem Bachelor fertig werden. Ein potentieller Nachteil ist, dass wichtige Inhalte dadurch wegfallen.
Hier muss allerdings die Frage gestellt werden, welche Inhalte wichtig sind und wer das definiert.

Eine andere Möglichkeit ist, das Studium nach hinten auszudehnen. Das ist zum Glück an der TU sehr einfach möglich. Allerdings wird das BAföG nur in der Regelstudienzeit ausgezahlt. Die Regelstudienzeit für Bachelor-Studiengänge ist im Hochschulrahmengesetz (§19) auf drei bis vier Jahre
festgelegt, die von Master-Studiengängen auf ein bis zwei Jahre. Dabei darf die Gesamtstudienzeit (also Bachelor + Master) höchstens fünf Jahre betragen. Das heißt, die TU kann die Regelstudienzeiten und damit auch die offiziellen Studienpläne nicht im Sinne einer allgemeinen Entzerrung ändern.4
Es bleibt also nur, das Studium individuell zu entzerren. Hierfür könnten die Fachschaftsräte (inoffizielle) Handreichungen wie alternative Studienpläne entwickeln. Eine andere Möglichkeit wäre, das BAföG nicht mehr an die Regelstudienzeit zu binden und damit eine längere Auszahlung in
Studiengängen zu ermöglichen, die tatsächlich länger dauern als die Regelstudienzeit. Das BAföG ist allerdings Bundesgesetzgebung und schwer zu ändern. Ein Vorteil dieser Lösung ist, dass keine wichtigen Inhalte gestrichen werden müssen.

Ein anderer Aspekt ist die Sitzverteilung in den Gremien, die den Studienplan beschließen. Diese Gremien sind die Studienbereichsausschüsse und der Akademische Senat. In beiden Gremien wird die Mehrheit von Professor*innen eingenommen. Es entscheiden also Leute in der Mehrheit über unser Studium, die zum Großteil von diesen Entscheidungen und deren Folgen nicht direkt betroffen sind. Die Studierenden haben, obwohl sie zahlenmäßig in der Mehrheit sind, in diesen Gremien nur eine Minderheit an Stimmen.

Allerdings haben die Studierenden an der Uni eine deutlich kürzere Verweilzeit als die Professor*Innen. Daher haben vielleicht die Profs eine bessere Übersicht. Außerdem ist es an der TU jetzt schon schwer, studentische Kandidat*Innen für den Akademischen Senat zu finden.
Ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung wäre eine Viertelparität in diesen Gremien, das heißt jeweils ein Viertel der Stimmen für die Professor*Innen, die wissenschaftlichen Mitarbeiter*Innen, das
technische und Verwaltungspersonal sowie die Studierenden. Dadurch würden den anderen Statusgruppen neben den Professor*innen eine realistische Chance zur Durchsetzung der eigenen
Belange gegeben.

Zeitnot als gesellschaftlicher Aspekt im Kontext von Postwachstum

In unserer Gesellschaft ist die 40-Stunden-Woche der Normalfall und Arbeit hat einen hohen Stellenwert. Dies hängt auch mit dem Wirtschaftswachstum zusammen. Laut den Vertreter*Innen des Postwachstums ist dieses Wachstum die Ursache der großen Umweltzerstörung und der hohen CO2- Emissionen in unserer Gesellschaft. Daher brauchen wir eine Abkehr vom ständig angestrebten Wirtschaftswachstum, was bedeutet, dass wir sehr viel weniger (umweltschädliche Güter) produzieren und konsumieren sollten. Ein Phänomen, das ebenfalls mit dem Wirtschaftswachstum zusammenhängt,
ist die Zeitnot. Diese rührt nicht nur von der hohen Arbeitsbelastung her, sondern u.a. auch aus der ständigen Anhäufung neuer Konsumgüter.

Eine Reduktion der Erwerbsarbeitszeit zum Beispiel auf eine 20-Stunden-Woche ist nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern steigert auch die Lebensqualität. Durch Teilzeit für alle wird weniger produziert und mehr Zeit für bedachten Konsum gegeben. Daher wird in der Postwachstumsdebatte der Begriff Zeitwohlstand geprägt, der die mit dem Wachstum einhergehende Zeitnot kritisiert und einen Zustand charakterisiert, in dem ausreichend Zeit zur Verfügung steht und damit das Zeit-Erleben angenehmer wird.5

Daraus lässt sich direkt folgern, dass auch die Reduktion der wöchentlichen Studienbelastung sinnvoll für persönliches Zeit- und Wohlempfinden sowie zukünftig auch humanere wirtschaftliche und ökologische Aspekte ist.

Quellen und Anmerkungen

(1) Europäische Kommission: ECTS Leitfaden, S. 10. https://op.europa.eu/en/publication-detail/-
/publication/da7467e6-8450-11e5-b8b7-01aa75ed71a1
(2) Schulmeister, Rolf; Metzger, Christiane: Das Studierverhalten im Bachelor. ZeitbudgetAnalysen der Workload in 29 Bachelor-Stichproben, 2018.
http://rolf.schulmeister.com/pdfs/Workload%20und%20Studierverhalten.pdf
(3) Ihr könnt ja gerne selber mal protokollieren, wieviel ihr wöchentlich für die Uni macht, und
Euch fragen, welche wöchentliche Studienbelastung angemessen wäre. Eure Ergebnisse würden
uns sehr interessieren. Schreibt uns dazu

  1. Die wöchentliche Arbeitsbelastung in Stunden, die Ihr insgesamt fürs Studium aufwendet, plus ggf. eure Arbeitszeit, falls Ihr einen Job habt.
  2. Euer Gefühl damit, wie Ihr damit klarkommt, was für Euch eine optimale wöchentliche Arbeitsbelastung wäre etc.
    Mit dem Betreff „Zeitnot“ an die E-Mail-Adresse linus.sage@tuhh.de
    (4) Oder nur, indem sie den Bachelor verlängert und den Master verkürzt. Das würde aber nichts an der Arbeitsbelastung ändern.
    (5) Weiterführende Literatur, Webseiten und Videos zum Thema Postwachstum:
  • Paech, Niko: Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie.
  • Wenn man auf Youtube Niko Paech eingibt, findet man viele Videos zum Thema.
  • Muraca, Barbara: Gut leben. Eine Gesellschaft jenseits des Wachstums.
  • Schmelzer, Matthias; Vetter, Andrea: Degrowth/Postwachstum zur Einführung.
  • Blog Postwachstum: www.postwachstum.de
  • Degrowth-Webportal: https://www.degrowth.info/de mit eigener Mediathek. Es gibt auch
    einige interessante Videos von den Degrowth-Konferenzen.
  • (Einige dieser Bücher gibt’s auch in der TU-Bibliothek.)

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