STELLUNGNAHME ZUR GESTALTUNG EINER BARRIEREFREIEN DIGITALEN LEHRE

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Die Digitale Lehre bietet, wie unter anderem bereits in dem „Positionspapier zur Gestaltung Digitaler Lehrveranstaltungen“ von Doran Nettig für den AStA der TUHH dargelegt wurde, bei einer guten Umsetzung eine Menge Vorteile, die nun nicht weiter erläutert werden müssen. Denn diese Stellungnahme soll auf die Menschen, die in der digitalen Lehre auf Barrieren treffen aufmerksam machen. Denn auch, wenn die digitale Lehre für viele Menschen Vorteile bietet, gilt dies nicht für alle und wir müssen darauf achten,dass niemand auf der Strecke bleibt und weiterhin alle dieselben Chancen im Studium haben.

In dieser Stellungnahme werden zum einen die verschiedenen betroffenen Gruppen und warum die Situation der digitalen Lehre besonders für diese ist, beleuchtet und zum anderen die Probleme, die diese Gruppen widerfahren, genauer dargestellt und Lösungsvorschläge aufgezeigt.

Für wen und warum könnte die digitale Lehre Einschränkungen mit sich bringen?

Es gibt an dieser Universität Menschen mit diversen Einschränkungen. Diese sind teilweise dem Prüfungsausschuss bekannt, da sie Nachteilsausgleiche eingereicht haben, teilweise werden sie jedoch auch unbekannt sein. So oder so haben diese Menschen ihre eigenen Mittel und Wege gefunden, im Alltag nicht abgehängt zu werden. Diese Mittel und Wege können zum Beispiel die Hilfe von Kommiliton*innen oder selbstgebastelte, auf die Situation angepasste Lösungen sein. In dieser nun neuen Situation werden diese Hilfsmittel teilweise nicht mehr funktionieren. Es fallen also zum einen Hilfsmittel weg, zum anderen kann eine Überforderung bzw. das Gefühl der Hilfslosigkeit bei den Betroffenen entstehen, welche zusätzlich belastend ist. Für fast alle gilt: werden keine Lösungen für etwaige Barrieren gefunden, werden diese Studierenden schlechtere Ergebnisse verzeichnen, auf Klausurteilnahmen verzichten und möglicherweise sogar das Studium abbrechen.

Es gibt diverse Beeinträchtigungen und Lebenslagen,welche das Studium erschweren und im Folgenden beispielshaft kurz genannt werden, es besteht dabei kein Anspruch auf Vollständigkeit:

  • Beeinträchtigungen des Hörens oder Taubheit
  • Beeinträchtigungen des Sehens oder Blindheit
  • Beeinträchtigungen des Sprechens
  • Psychische Beeinträchtigungen
  • Autismus-Spektrum-Beeinträchtigungen
  • Studierende mit Betreuungsaufgaben (z.B. von Kindern oder zu pflegenden Angehörigen)
  • Internationale Studierende
  • Studierende mit beruflichen Verpflichtungen

Benennung von möglichen Problemen und Lösungsvorschlägen

  • Synchrone Online-Vorlesungen bzw. Veranstaltungen können problematisch für alle genannten Personengruppen werden, wenn es keine zusätzlichen Materialien, wie z.B. Skripte, Mitschriften oder Präsentationsfolien gibt. Die Aufzeichnungen der Veranstaltungen könnten zum Beispiel online gestellt und Verweise auf zusammenfassende oder weiterführende Textmaterialien auch außerhalb der Vorlesung bzw. Veranstaltung gegeben werden,um asynchrones und individuell angepasstes Lernen zu verwirklichen. Abbildungen und Fotos können zudem für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen verbalisiert werden. Um Online-Videos auf Barrieren zu überprüfen, kann auch folgender Leitfaden verwendet werden: https://bik-fuer-alle.de/leitfaden-barrierefreie-online-videos.html

  • Dokumente und Programme können vor allem problematisch für Studierende mit Beeinträchtigungen des Sehens oder Blindheit sein. Zum einen sind die meisten Programme bei permanenter Vergrößerung nicht mehr bedienbar und zum anderen können Aufnahmen von handschriftlichen Notizen unleserlich sein. Eine ausreichend große und deutliche Handschrift sind für die Lesbarkeit von handschriftlichen Notizen unabdingbar, denn den Studierenden fehlt die Option zur Nachfrage beim Sitznachbarn oder der Sitznachbarin, was genau geschieht. Für Browser angepasste Software ist zudem häufig skalierbar und bleibt fast uneingeschränkt bedienbar.
  • Die Erstellung von Leistungen in virtuellen Teams kann für alle zuvor genannten Studierendengruppen eine Hürde sein. Bitte formulieren sie klare und verpflichtende Vorgaben für die Teams oder geben sie nach Möglichkeit Ersatzmöglichkeiten durch individuelle Aufgaben.
  • Das zu lange Arbeiten an Arbeitsplätzen, welche nicht darauf ausgelegt sind, lange an ihnen zu arbeiten, kann zu diversen körperlichen Beeinträchtigungen, zum Beispiel durch Fehlhaltungen führen –sowohl bei Studierenden als auch bei Lehrenden. Zudem kann sich das dauerhafte Arbeiten vor dem Bildschirm für alle Menschen, aber vor allem für Menschen mit einer Sehschwäche sehr ermüdend und konzentrationshindernd auswirken. Um diese Beeinträchtigungen zu verhindern, sollte bei der Planung der Veranstaltungen auf ausreichende Möglichkeiten sowohl für kleine als auch größere (Mittags-) Pausen geachtet werden.

  • Das Arbeiten in einer Umgebung mit Störgeräuschen oder eine schlechte Tonqualität ist ebenfalls für alle Studierende, aber vor allem für Studierende mit Beeinträchtigungen der Hörfähigkeit ein Problem: Manche Menschen können keine Kopfhörer tragen und viele Hörgeräte sind nicht mit Kopfhörern und einfachen Lautsprechern kompatibel. In einer Umgebung mit Störgeräuschen kann dementsprechend kaum mitgearbeitet werden. Alternative Lehrmittel oder die Untertitelung von Lehrvideos sind für diese Menschen dringend nötig. Hierfür gibt es bereits Apps, welche das Gesagte in Schrift umwandeln. Aufnahmen sollten in guter Tonqualität und in einer ruhigen Umgebung produziert werden.

  • Neue Situationen an sich sind für Menschen mit Einschränkungen oder Menschen in besonderen Lebenslagen eine noch größere Herausforderung als für uneingeschränkte Menschen. Teilweise können Probleme zwar auch durch neue Hilfsmittel beseitigt werden, diese müssen jedoch finanziert werden, was sich nicht alle betroffenen Studierenden leisten können und zu zusätzlichen finanziellen Sorgen führen können. Bei allen Betroffenen kann das Gefühl von Hilflosigkeit auftreten. Um all diese Menschen zu unterstützen, soll es eine zentrale Anlaufstelle innerhalb der TUHH geben, die sich um die Belange dieser Personen kümmert und mit ihnen zeitnahe Lösungen findet. Denn wenn nicht zeitnahe Lösungen gefunden werden können, werden diese Studierenden abgehängt und können möglicherweise die verpassten Lehrinhalte nicht mehr rechtzeitig aufholen.

  • Allgemein können alle Studierenden davon profitieren,wenn die geplante Durchführung der Veranstaltung möglichst klar ist und vorher,z.B. bei StudIP kommuniziert wird. Denn dann können Studierenden möglicherweise vor der Veranstaltung benötigte Vorkehrungen treffen oder persönlichen Bedarf möglichst früh den Dozierenden mitteilen. Zudem kann das Signalisieren von Offenheit gegenüber Belangen von Studierenden durch die Lehrenden eingeschränkte Studierende stärken, ihre Bedürfnisse und Probleme bzw. Lösungen Kund zu tun. Des Weiteren wird es alle Studierenden unterstützen, wenn zeitunabhängige Rückfragemöglichkeiten möglichst mit verschiedenen Medien angeboten werden, um sowohl Menschen mit Hör- als auch Seheinschränkungen mitzunehmen.

Fazit

Die digitale Lehre ist für uns alle relativ neu. Für Personengruppen in besonderen Lebenslagen oder Personen mit Einschränkungen ist sie jedoch auch besonders herausfordernd. Es gilt, diese Personen nun besonders zu unterstützen, damit sie nicht hilflos im Digitalisierungswahn zurückgelassen werden. Im Großen und Ganzen lassen sich meiner Meinung nach viele Hürden vermeiden, zum Beispiel durch asynchrone Lehre, eine Ansprechperson für diese Studierenden zum Sammeln und zeitnahen Beheben dieser Probleme und eine gute Kooperation der Lehrenden mit diesen Betroffenen. Ich plädiere somit für eine gute Zusammenarbeit aller Beteiligten, damit die digitale Lehre ein Fortschritt für alle ist.

Für den AStA, Theresia Hachmöller, Referentin für Gleichstellung, AStA der TUHH
und Janine Berg, Studentische Vertretung im Prüfungsausschuss VT und 2.VorsitzFSR VT

Hamburg, den 16.04.2020

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