Stellungnahme Präsenzprüfungen

Sehr geehrtes Präsidium,

seit beinahe einem Jahr bewältigen wir gemeinsam diese Pandemie. Damit uns dieses Vorhaben gelingt, haben wir zahlreiche schwerwiegende Einschnitte unseres gewohnten Lebens vor- und hingenommen. Das größte Gut, die Gesundheit, ist uns dies Wert. Wir haben in den vergangenen Monaten alle gehofft, dass die im Herbst begonnen Maßnahmen ausreichend Wirkung zeigen würden und müssen uns nun eingestehen, dass diese Hoffnungen nicht erfüllt wurden. Die Fallzahlen, und versetzt dazu auch die Todeszahlen, sind noch immer auf einem erschreckenden Niveau. Hinzu kommen neuartige Mutationen des Virus, welche zusätzliche, unberechenbare Gefahren bergen. Wir setzen mit aller Härte auf einen bundesweiten Lockdown, um aus dieser fatalen Lage wieder herauszukommen und nur durch gemeinsames, einheitliches Handeln können wir das schaffen.

Während im Sinne dieser Solidarität in allen Gesellschaftsbereichen Opfer auf sich genommen werden, hält die TUHH im Angesicht dieses beispiellosen Gesundheitsnotstands dennoch in großen Teilen an der Durchführung von Prüfungen in Präsenz fest, anstatt auf Alternativen auszuweichen. Wir halten dieses Vorgehen für inakzeptabel.

Die Studierenden widersprechen mehrheitlich Ihrer Risikoeinschätzung. Dies wird sowohl an einer Umfrage als auch einer Petition mit Tausenden Teilnehmer*innen deutlich. Studierende werden zu einer unmoralischen Entscheidung genötigt, in der sie die eigene Gesundheit und das Wohl der Gesellschaft gegen den ihren Studienfortschritt abwägen müssen. Es kann nicht verhindert werden, dass Studierende auch mit leichten Symptomen an Prüfungen teilnehmen werden, weil sie es sich nicht leisten können, ihren Studienfortschritt auf’s Spiel zu setzen.

Nach der Einschätzung der BWFGB ist die Umsetzung von Prüfungen mit 50 Personen tragbar; das Risiko für Ansteckungen soll bei den Hygiene- und Abstandsmaßnahmen sehr gering sein. Fußend auf dieser Empfehlung und der Verpflichtung, Prüfungen anbieten zu müssen, reizt die TUHH diese Vorgaben bis zum Maximum aus. Sollte es in Folge Ihrer Entscheidung, Klausuren in Präsenz durchzuführen, zu Infektionsketten, schweren Krankheitsverläufen oder Toten kommen, wird es keine Möglichkeit geben, dies nachzuweisen und jemanden dafür zur Verantwortung zu ziehen. Wie Sie bereits bestätigt haben, wären Infektionsketten nicht nachverfolgbar. Hier fehlt vor allem auch der entscheidende Impuls von der Politik, die gesellschaftliche Pflicht anzuerkennen und strengere Vorgaben gegenüber den Universitäten zu stellen.

Wir teilen Ihre Risikoeinschätzung vor allem deshalb nicht, weil Infektionsrisiken nicht nur während der Prüfung existieren. Es kann nicht verhindert werden, dass Studierende mit denselben Bussen und Bahnen zum Prüfungsort anreisen werden. Insbesondere bei den angemieteten Hallen handelt es sich um Orte, die von den meisten Prüfungsteilnehmer*innen nicht ohne ÖPNV erreicht werden können. Bei Prüfungen auf dem Gelände der TUHH kommt noch hinzu, dass die Prüfungen zwar räumlich separat stattfinden, aber die Prüflinge offensichtlich trotzdem mit denselben Bussen und Bahnen anreisen müssen. Dadurch tritt genau die Vermischung von Personen auf, welche mit der 50-Personen-Obergrenze verhindert werden sollte.

Diese Obergrenze, die eine gesellschaftliche Abwägung zwischen Grundrechten und Infektionsschutz darstellt und noch ein Mindestmaß einer Versammlungsfreiheit aufrecht erhalten soll, wird bis ins Extremste ausgelegt, um Klausuren in Präsenz zu ermöglichen. Wir reden dabei von einem Gesamtvolumen von mehr als 15.000 Prüfungsteilnahmen über zwei Monate und ständiger Vermischungen der Gruppen über die einzelnen Klausuren und Prüfungstage hinweg. Hierbei ist vor allem das Infektionsgeschehen durch asymptomatische Krankheitsverläufe nicht außer Acht zu lassen.

All dies ist nicht alternativlos. Es gibt zahlreiche Optionen, Präsenzklausuren auch bei regulärem Verlauf der Prüfungsphase zu umgehen. Darunter fallen beispielsweise Online-Klausuren und sogenannte “Take-Home-Exams”, welche bereits an vielen Universitäten großflächig und erfolgreich eingesetzt werden. Zahlreiche große renommierte Universitäten wie die TU Berlin verzichten vorerst komplett auf Präsenzklausuren. Auch könnte man konventionelle alternative Prüfungsformate wie schriftliche Ausarbeitungen oder Projektleistungen stärker einbinden. Die notwendigen Schritte, um dies für Dozent*innen zu ermöglichen, wurden viel zu lange hinausgezögert. Dabei fehlen sowohl finanzielle Mittel als auch der politische Druck. Stand jetzt ist, dass nicht eine einzige Prüfung aufgrund der Pandemie in eine konventionelle alternative Prüfungsform überführt wurde und Take-Home-Exams nur bei ungefähr 15% der Prüfungen geplant sind.

Abschließend ist uns sehr wohl bewusst, in was für einem zeitlichen Rahmen wir uns hier bewegen und dass Änderungen zum jetzigen Zeitpunkt vor gewaltigen Umsetzungsschwierigkeiten stehen. In den letzten Monaten haben wir wiederholt nach einem Konzept für Prüfungen im Lockdown gefragt und bis heute liegt uns kein Alternativkonzept vor. Trotz dieser schwierigen zeitlichen Rahmenbedingungen sehen wir uns nun gezwungen, unsere Probleme öffentlich zum Ausdruck zu bringen und Sie aufzufordern, kurzfristig zu handeln.

Der AStA-Vorsitz und die stud. Vertreter*innen aus dem Akademischen Senat