POSITIONSPAPIER ZUR GESTALTUNG DIGITALER LEHRVERANSTALTUNGEN

Die nächsten Monate erwartet alle Statusgruppen der TUHH eine völlig neue Herausforderung. Volldigital soll das Semester starten. Digitale Lehre aber ist für die meisten von uns noch völliges Neuland. Verständlich also, dass einige voll Bedenken auf die nächsten Wochen blicken. Doch der äußere Zwang dem Digitalisierungstrend etwas schneller zu folgen, als dies vielen vielleicht lieb wäre, birgt durchaus auch Chancen.

Wie wir Studierende uns eine erfolgreiche Digitale Lehre vorstellen, wollen wir im Folgenden darlegen. Im Zentrum steht dabei die Abwägung Synchroner und Asynchroner Lehrveranstaltungen und was diese Konzepte im Kontext digitaler Lehre bedeuten.

Synchrone Lehre

Im Kern jeder Lehre stehen der Austausch und die Interaktion zwischen Lehrendem und Lernenden. Im Regelfall sind diese dem Aufbau der Hochschullehre inhärent. Vorlesungen, Hörsaalübungen und Tutorien bieten eine Synchronität von Lehre und Lehrrezeption. So ermöglichen es diese Formate normalerweise Lehrenden Studierende in die Gestaltung der Lehrveranstaltungen einzubeziehen. Im Umkehrschluss ist es auch Studierenden mit solcherlei Konzepten besonders niederschwellig möglich, sich proaktiv einzubringen, Fragen zu stellen und durch die aktive Teilnahme Lehrinhalte tiefergehende zu erfassen.

Diese Möglichkeit sollte auch in Zeiten digitaler Lehre nicht verloren gehen. Aufzeichnungen und rein frontale Streamingangebote reichen dabei nicht aus, eine sonst interaktive Lehre zu ersetzen. Neben dieser Gefahr bietet die Digitalisierung jedoch auch große Chancen für synchrone Lehrveranstaltungen. Durch die kompetente Nutzung von Chatfunktionalitäten ist eine Interaktion zwischen Teilnehmenden und Dozierenden in einem Maß möglich, dass durch analoge Formate unerreicht bleibt. Anonyme Wortmeldungen können die Hemmschwelle für Fragen und Anmerkungen zur Lehrveranstaltung noch weiter senken. Außerdem ermöglicht ein Chat einen parallelen Austausch unter den Teilnehmenden über den Kreis der Sitznachbar*innen hinaus. Zudem lassen sich Umfragetools leichter und paralleler nutzen, als z.B. Klicker, um die Interaktivität und Aktivierung der Studierenden noch weiter zu erhöhen. Hierfür kann es sinnvoll sein Lehrveranstaltungen mit zusätzlicher Unterstützung auf Seite der dozierenden Person umzusetzen, um eine Koordinierung von Chat, Umfragen etc. zu erleichtern, wie dies in modernen Streamingangeboten üblich ist.

Asynchrone Lehre

Neben den Chancen für die synchrone Lehre, ergeben sich jedoch auch große Chancen in der asynchronen Lehre. Aufzeichnungen von Veranstaltungen, der Upload umfangreicher Übungs- und Lösungsblätter, sowie Online-Testate sind dabei als Erweiterung synchroner Lehrformate unserer Einschätzung nach nicht nur sinnvoll, sondern auch notwendig.

Zum einen ermöglicht das Angebot solcher Lehrmittel den Studierenden eine höhere Flexibilität in ihrem eigenen Lernprozess. Eine Vor- und Nachbereitung der Lehrveranstaltungen wird besser möglich. Sind diese Formate besonders gut umgesetzt können wir uns auch eine teilweise Ersetzung synchroner Lehrformate durch asynchrone Formate vorstellen. So ist beispielsweise eine Kombination asynchroner Skripte oder Aufzeichnungen und Übungsaufgaben zur Selbsterarbeitung in der einen Woche in Kombination mit einer Fragestunde/Interaktiven Erarbeitung in der anderen Woche für uns gut denkbar.

Asynchrone Lehre bietet außerdem die Möglichkeit, Probleme mit Veranstaltungsüberschneidungen zu minimieren. Gerade bei von dem vorgeschriebenen Normal abweichenden Studienverläufen, können Studierende oft an bestimmten Veranstaltungen nicht synchron teilnehmen. Asynchrone Lehrformate können diesen Umstand insofern abfangen, als dass sie die Studierenden in ihrem Selbststudium unterstützen können.

Zudem können zwei weitere Umstände der aktuellen Krise durch asynchrone Lehrformate abgemildert werden, die andernfalls für einige Studierende zu einer Belastung werden könnten.

Auf der einen Seite ermöglicht das erleichterte Selbststudium auch Studierenden, die durch die aktuell knappe Jobsituation oder das plötzliche Wegfallen elterlicher Unterstützung auf Arbeit zu Vorlesungszeiten angewiesen sind, ihr Studium ohne Verzögerung fortzusetzen.

Auf der anderen Seite könnte die Teilung von Veranstaltungen auf die Semesterhälften dazu führen, dass sehr lange Zeiträume zwischen Lehrinhalten und den Klausuren entstehen. Asynchrone Lehrformate können in diesen Fällen eine bessere Klausurvorbereitung und Vertiefung der Lehrinhalte ermöglichen.

Zuletzt sehen wir sogar eine Notwendigkeit im Ausbau asynchroner Lehrangebote, da eine vollsynchrone Lehre für Studierende zu sehr langen Bildschirmzeiten führen können. Dies ist bereits im Normalfall nicht unbedingt gesund, da Studierende in ihrem Zuhause nicht mit entsprechenden Arbeitsschutzmaßnahmen wie einstellbaren Arbeitsplätzen etc. ausgestattet sind. Besonders kritisch wird dies aber für Menschen mit Einschränkungen, wie einer eingeschränkten Seh- oder Hörfähigkeit. Für diese Personengruppen könnte so eine Teilnahme an einem vollsynchronen Lehrangebot nicht nur ungesund, sondern gar nicht möglich sein. Dieses Thema ist für uns von solcher Bedeutung, dass wir hierzu nochmal gesondert Stellung nehmen werden. 

Einen Schritt weitergedacht

Wenn eine Lehre im Sinne der oben beschriebenen Aspekte umgesetzt wird, sind wir der Überzeugung, dass eine volldigitale Lehre für Lehrende, wie auch Studierende ein Erfolg werden kann. Wir könnten uns aber sogar vorstellen noch einen Schritt weiter zu denken. Eine Öffnung von Teilen des asynchronen Lehrangebots findet bisher an der TUHH kaum bis überhaupt nicht statt. International und auch in Deutschland ist dies aber lange keine Seltenheit mehr. So sind beispielsweise Vorlesungen und kürzere Lehrvideos des MIT oder der TH Köln bereits seit Jahren auf Youtube zu finden. Dies ermöglicht nicht nur ohne größeren Mehraufwand oder Kosten Lehrinhalte auch nicht TUHH Angehörigen zugänglich zu machen. Veröffentlichungen dieser Art können auch immense Reichweiten generieren. Der MIT Professor Walter Lewin beispielsweise erreicht mit seinen Vorlesungen 567.000 Abonnenten und pro Video bis zu 2,8 Millionen Aufrufe. Auch der deutsche Kanal Welt der Werkstoffe kommt auf immerhin 20.000 Abonnenten und teilweise über 100.000 Aufrufe pro Video. Diese große Reichweite ermöglicht es nicht nur auch Schülerinnen und Studieninteressierte für die Themen der Ingenieurswissenschaften zu begeistern. Sie könnte auch eine Möglichkeit darstellen, die TUHH als Ort guter Bildung und fortschrittlichen Denkens weiter zu etablieren.

Fazit

Wir sind der Ansicht, dass neben all den Beschwernissen dieser neuartigen Krise und den Herausforderungen des kommenden Jahres, sich uns auch eine Vielzahl neuer Chancen bietet. Anstatt an den Herausforderungen zu verzagen, sollten wir eben diese Chancen ins Auge fassen und ergreifen. Wir fordern daher alle Statusgruppen auf, die kommende Zeit zu nutzen, konstruktiv an innovativen Lösungen zu arbeiten. Unsere Position ist dabei die Beschriebene. Wir wünschen uns, dass alle Beteiligten sich mit den Möglichkeiten vertraut machen, die digital synchrone Lehrkonzepte bieten können. Nur so kann unserer Ansicht nach die reduzierte persönliche Kommunikation kompensiert werden. Außerdem sind wir der Ansicht, dass eine volldigitale Lehre nicht ohne einen Ausbau asynchroner Lehrangebote funktionieren kann. Gerade in dieser Notwendigkeit sehen wir aber auch die größte Chance. Durch einen Ausbau der asynchronen Lehrformate und eine fortschreitende Kompetenz der Lehrenden und Lernenden mit der digitalen Lehre sehen wir die Möglichkeit, dem Zeitgeist von Digitalisierung, Interaktivität und Individualität gerecht zu werden. So könnten wir durch die Krise keinen Rückschlag, sondern einen Fortschritt erleben.

Für den AStA der TUHH

Doran Nettig
Referat für Hochschulpolitik